Phantasmagorie der Oper
BerichtMusik-Theater-Walk „Fassaden“ am Staatstheater Wiesbaden uraufgeführt
Bereits die Garderobe hält die erste Überraschung bereit: „Behalten Sie besser Ihren Mantel, denn die Aufführung findet teilweise im Freien statt.“ Der Musik-Theater-Walk „Fassaden“ um und durch das Hessische Staatstheater Wiesbaden bietet zahlreiche weitere Irritationen, Kreuzungen von (Theater-)Alltag und Inszenierung, Reflexionen des Opernapparats und Selbstbegegnungen des Publikums. Von einer Tür zur anderen wechselt der Parcours zwischen offiziellen Publikumswegen und Orten, die sonst nur Theatermitarbeitenden zugänglich sind. Die Hemisphären werden durchlässig bis zur Ununterscheidbarkeit. Ebenso fließend arbeitete das Produktionsteam mit zugleich klaren Zuständigkeiten: Inszenierung: Elli Neubert, Komposition: Dariya Maminova, Licht und Video: Jakob Boeckh, Kostüme: Johanna Winkler, Dramaturgie: Hanna Kneißler. Die Sprechtexte wurden gemeinsam mit den beteiligten zwei Schauspielern, drei Instrumentalisten, einer Tänzerin, einer Sängerin und der Statisterie des Theaters entwickelt. Zusammen wählte man auch die Routen, auf denen vier Publikumsgruppen zeitgleich durch den labyrinthisch verschlungenen Gebäudekomplex gelotst werden.
Ortsbegehung
Eine Besuchsgruppe geht zunächst nach draußen in die Kolonaden des Wiesbadener Kurplatzes. Ein Schauspieler (Timur Frey) informiert als Stadtführer die Gruppe über Kopfhörer zur Geschichte des Ortes: Hier gastierten lauter königliche und kaiserliche Häupter, Sissi, Zar Nikolaus II., Bismarck und jährlich Kaiser Wilhelm II. Nach Abriss des zu klein gewordenen alten Kurhauses eröffnete 1907 ein prachtvoller Neubau mit Spielcasino, Kammermusiksaal und großem Konzertsaal. Drüben sieht man den Nausser Hof, und dort stand das im Krieg zerstörte Hotel „Vier Jahreszeiten“. Unterdessen bläst im Wandelgang ein Straßenmusiker auf dem Horn (Jonas Finke) wie der leibhaftige Rosenkavalier aus Straussʼ gleichnamiger Oper im rosaroten Rokoko-Rüschengewand. Auf einer Außenbalustrade des Theaters referiert die Reiseleitung sozialpolitische Hintergründe: Die Kaufkraft sei in Wiesbaden dreimal so hoch wie im Bundesdurchschnitt, doch keine zweihundert Meter von hier, auf der Schwalbacher Straße, sei jedes zweite Kind von Armut bedroht. Außerdem würde irgendwo da unten die größte Rattenkolonie der Stadt hausen, und am Staatstheater wären insgesamt sechshundert Mitarbeitende auf, vor, hinter und unter der Bühne beschäftigt.
Den Wilhelminischen Prachtbau betritt man schließlich durch einen Materialgang im Untergeschoss. Dazu belehrt der Stadtführer, die Architektur sei mit ihren Eingängen und Stiegenhäusern so angelegt, dass sich das Publikum automatisch gemäß der im Kaiserreich herrschenden Ständeordnung getrennt auf Parkett, Ränge und Kaiserloge verteilte. Über einen Quergang gelangt man in Richtung Orchestergraben, aus dem tatsächlich Musik erklingt. Doch biegt man in ein Treppenhaus ab, über das es von ganz unten nach ganz oben in den zweiten Rang geht. Hier sieht man erstaunt drei ebenso erstaunt zurückblickende Garderobefrauen vor vollen Kleiderhaken, als würde im Großen Haus gerade tatsächlich „Der fliegende Holländer“ gegeben, dessen flüchtige Anklänge man zuvor nur für eine Audio-Zuspielung gehalten hatte. Realer und inszenierter Theaterbetrieb verschwimmen. Aus einem Umlauf blickt man in das Neo-Rokoko-Foyer von 1902, wo zwischen Stuckornamenten, Heraldik, flatternden Putten und überlebensgroßen barbusigen Musen gerade ein Liederabend stattfindet, in den sich der Straßenhornist ebenso harmonisch wie fremd einfügt. Man selbst wird jedoch durch eine Fluchttüre nach draußen aufs Dach gedrängt. Über Stege und Feuertreppen geht es wieder hinab in den Materialgang und von dort durch andere Türen, Gänge und Treppen zurück ins prächtige Foyer. Hier ist man nun nicht mehr bloß Zaungast, sondern selbst Publikum, bekommt ein Glas Sekt gereicht und darf an kleinen Tischen die Uraufführung von Dariya Maminovas „Crystal Songs“ hören.

Metaperspektive
Mit sanften Arpeggien und Tonpendeln begleitet der Pianist (Tim Hawken) die mattgolden leuchtende Stimme der Sopranistin (Josefine Mindus). Die zwischen Romantizismen und Moderne changierenden Kantilenen passen zur spätfeudalen Schwüle des Prunksaals, auf die sich der vertonte Text von Amina Hassan zu beziehen scheint: „Der Goldraum trägt nicht die Spuren der Hand, die ihn aufgestellt.“ Auch weitere Verse scheinen selbstreferentiell die Situation der Aufführung zu thematisieren: „Ich wünschte, mein Text fielʼ mir ein. Meine Rolle spiel ich, das ist Kunst. Meine Stimme fällt aus, das ist Kunst.“ Und während man zuvor Beobachter war, wird man nun durch die zweite Besuchsgruppe auf der Galerie selbst zum Beobachteten: „Dein Blick ist mein Ziel, sieh dich an … So Iʼll sing you a Kunstlied.“ Man ist Konzertpublikum und zugleich auf einer Metaebene Beobachter eines inszenierten Konzerts innerhalb einer Musiktheateraufführung, die den Organismus „Opernhaus“ thematisiert. Doch weil dieses Theater primär sich selbst als Theater mit wechselnden Sichtweisen, Szenen und Rollen zeigt, hinterlässt es am Ende den Eindruck, Musik, Handlung und Aussage seien letztlich bloß Katalysatoren, um das Nachdenken über Oper anzustoßen. Denn kaum dass man sich auf die Musik einzulassen beginnt, wird die Darbietung von einer aufheulenden Sirene unterbrochen und man muss den Raum unverzüglich verlassen. Eben noch im warmen Festsaal, wandert man jetzt über einen kalten Innenhof an der Malerwerkstatt vorbei zu einem gruftig-schwarz gekleideten und geschminkten Arbeiter (Edzard Locher), der mit seiner Flex an Stahlteilen und Drahtkäfig die Funken fliegen und die Ohren sirren lässt.
In gleichem Outfit zwängt sich eine Tänzerin (Raquel Nevado Ramos) in den Käfig, den der Schlagzeuger in die Kellergewölbe der Requisitenkammer zieht und dabei mit Schlägeln die Regale und Lüftungskanäle traktiert. Vorbei an dutzenden Stühlen, Tischen, Sesseln geht es weiter zu Abteilungen mit Koffern, Beilen, Hellebarden, Lanzen und Vogelkäfigen bis zu menschlichen Körperteilen aus Kunststoff, Händen, Armen, Beinen und Köpfen. Dazu erklingt zartes Glockenspiel und man hört aus der Ferne wummernde Techno-Beats, als würde irgendwo eine Rave-Party gefeiert. Außerhalb der klassischen Guckkastenbühne vermischen sich die Rollen von Akteur:innen und Publikum. Die Gleichzeitigkeit von Schein und Sein, Präsenz und Repräsentation, Sehen und Gesehen-Werden bewirkt wechselnde Perspektiven und Verhaltensweisen. Das Publikum beobachtet und ist zugleich Teil der Szene. Jemand kommt im Gedränge versehentlich an eine Säge, die klirrend umfällt und dadurch die Situation beeinflusst. Indem sich das Publikum auf Tuchfühlung durch die engen Gänge schiebt, nimmt es sich verstärkt selbst wahr. Und die aus nächster Nähe beobachtete Tänzerin blickt den Betrachter:innen provokativ in die Augen zurück. Der Stücktitel „Fassaden“ thematisiert diese schwankenden Verhältnisse von außen und innen, Darstellen und Sein.

Nach-Hause-Kommen
Schließlich pocht die Tänzerin an eine mit Warnhinweisen beschilderte Stahltür, hinter der man eine Heizung oder Klimaanlage vermuten würde. Die Tänzerin schleicht sich jedoch rasch fort, bevor von innen ein Mann öffnet und angesichts der vielen Leute zunächst verdutzt dreinschaut. Dann aber begrüßt er alle einzeln als jemanden, die oder der man gar nicht ist: „Toll, dass du gekommen bist, ich hatte fest mit dir gerechnet.“ „Du hier? Das überrascht mich, nach allem was zwischen uns geschehen ist?“ „Ich freue mich, dich zu sehen. Aber seid ihr inzwischen nicht getrennt?“ Der Gastgeber bittet das Publikum im viel zu kleinen Wohnzimmer, dicht an dicht auf Stühlen und Sofas Platz zu nehmen, während er sich selbst im großen Ohrensessel vor den Fernseher setzt, wo gerade der soeben erlebte Liederabend übertragen wird. Zu hören bekommt man davon freilich wenig, weil der Gastgeber als stolzer Vater der Sängerin viel schwärmt, „Ist sie nicht großartig?!“, gerührt ein Album mit Familienfotos herumzeigt, dann respektlos ein Sonderangebot bei REWE durchgeht und plötzlich die Tochter unflätig beschimpft, weil er sich als Taxifahrer jahrelang alles vom Munde abgespart habe, bloß um ihr den Klavier- und Gesangsunterricht zu bezahlen, damit sie heute am Staatstheater „ihre Scheißkunst“ mache.
Aus der inszenierten Privatwohnung des fremden Mannes gelangt das Publikum schließlich in sein ihm angestammtes „Zuhause“ im Zuschauerraum des Kleinen Hauses. Indem hier alle Besuchsgruppen zusammenkommen, konstituieren sie sich überhaupt erst als Publikum und finden zu ihrer angestammten Rolle als Auditorium samt monodirektional gelenkter Aufmerksamkeit. Als wäre diese klassische Fokussierung nicht schon stark genug, zeigt die Bühne eine Wand mit Guckkastenöffnung wie beim Kasperletheater, durch die man in das Wohnzimmer sieht, in dem man zuvor noch selber saß. Nun versammeln sich hier alle bisherigen Figuren wie Gäste einer Familienfeier, während eine Klangcollage nochmals alle Stationen akustisch Revue passieren lässt. Während das Publikum durch das Schaufenster sieht, sehen alle Akteur:innen durch den Rahmen, der sich am Ende wie die Blende eines Fotoapparats verengt, auf das Publikum zurück: Schließlich war man selbst schon die ganze Zeit als Publikum Gegenstand des Geschehens. Sämtliche Besucher:innen, Personen und Handlungsstränge waren durch ein geheimes Strickmuster verbunden und laufen nun im finalen Knoten zusammen. Doch weil alle Besuchsgruppen den „Musik-Theater-Walk“ in anderen Reihenfolgen erlebt haben, haben alle auch unterschiedliche Erinnerungen der Chronologie und eine unterschiedliche Sicht auf die finale Zusammenkunft. Alle haben Ähnliches erlebt, doch niemand dasselbe. Ein Musiktheater – viele Fassaden.

Die letzten zwei der insgesamt vier Vorstellungen von „Fassaden“ am Staatstheater Wiesbaden laufen am 14. und 19. April.