Meine Jahre in der Wolfgang-Rihm-Zauberschule

Erinnerung

Ein Insiderbericht

Wolfgang Rihm zum dreiundsiebzigsten Geburtstag,
Münster, am 13. März 2025

Karlsruhe, so Anfang Februar 2010.

wir befinden uns im zweiten Stock eines rosa Märchenschlosses, das aussieht wie die Filmkulisse in einem Gina Wild-Porno.

kein Smartphone, aber eine klassische Gitarre habe ich und ein paar handbeschriebene Notenblätter.

ich komme mir vor wie das „Hermännschen“ aus „Die zweite Heimat“, der zweiten Staffel des Familienfernsehepos „Heimat“ von Edgar Reitz.

der Unterschied ist, dass ich nicht nach München gehe, um Komposition zu studieren, sondern aus München weggehe, um Komposition zu studieren.
so weit der Plan.

jetzt kommt er. dreimeterfünfzig hoch. einmetersiebzig breit. behangen mit einem schwarzen Mantel. gekrönt mit einer Baskenmütze.

— Nico Sauer?

— Dat sinn äisch!

Dr. Thomas Troge, Leiter der Fakultät für Musikinformatik, rechts.

Gérard Buquet, früher Tubist des Ensemble Intercontemporain, jetzt Leiter des Ensembles für Neue Musik der Hochschule, links.

dazwischen Wolfgang. Wolfgang Rihm.

wer die anderen sind, erfahre ich in Wirklichkeit erst später. ich habe keine Ahnung von nichts. diese Welt ist mir komplett neu.

die Entscheidung, Komposition studieren zu wollen, fällt ein Jahr vorher. bei einem Crashkurs in Gehörbildung erwähnt der Dozent den Begriff „zeitgenössische Musik“. der eigentliche Wortlaut ist eher „zeitgenössische klassische Musik“.

da ist eine komische Betonung, die ich nicht genau verorten kann außer im Mund des Sprechenden. leichte Verachtung schwingt mit, die mich neugierig macht. der häretische Hallraum, der sich beim Aussprechen von „zeitgenössisch“ im Hals des Dozenten bildet.

„zeitgenössische klassische Musik“ — das reicht, um im Internet des Jahres 2009 Wolfgang Rihm zu finden.

es gibt ein paar Stücke von Rihm auf YouTube. natürlich nicht von ihm selbst hochgeladen. bis mindestens 2015 hat er gar kein Internet. kontaktieren kann man ihn ausschließlich per Telefon, Post oder Fax. das hier hätte ich fast vergessen: als ich überlege, ob ich bei ihm studieren soll, suche ich seine Telefonnummer aus dem Telefonbuch und rufe ihn an. er hebt ab.

woher ich seine Nummer habe.

dass ich ganz klassisch eine Aufnahmeprüfung machen müsse.

man kann also einfach eine Nummer in ein Telefon eintippen und damit Wolfgang Rihm beim Komponieren stören.

eins der Stücke, die es 2009 auf YouTube gibt, ist „Jagden und Formen“. das Stück kennen fast alle, weil es gut ist. übrigens, bis heute gruselig: hustende Menschen im Saal bei Konzertaufnahmen. gruftig!

https://youtu.be/82shObbF31M?si=pzpo168b5IA1X-Ik&t=840)
(s. 14:05 „Jagden und Formen“, Ensemble Intercontemporain mit Cornelius Meister)

ich finde auch ein Buch von ihm: „Offene Enden“. kurze Texte und transkribierte Vorträge über Musik. es wird nicht mehr verlegt, aber ich finde es antiquarisch. wie er über Musik schreibt, gefällt mir.

er ist unakademisch. das heißt, zu diesem Zeitpunkt denke ich noch gar nicht in Begriffen wie „akademisch“, sondern eher in solchen wie „Schule“, und „Schule“ ist ein Synonym für Scheiße.

nach über dreizehn Jahren Schulzeit, von denen ich wirklich jede einzelne Sekunde gehasst habe, habe ich überhaupt keinen Bock auf irgendeinen Schulscheiß. ich beneide ja die Leute, die eine tolle Zeit in der Schule haben. aber für mich ist das alles nichts. alles, was mit Schule konnotiert ist, verabscheue ich wirklich brutal. jede Form der institutionellen Autorität.

aus einem Interview einer jungen Vertreterin eines Karlsruher Studierendenradios mit Wolfgang Rihm:

— also Sie strahlen ja schon eine ziemliche Autorität aus.

— ich bin ja auch Autor.

er ist (in eigenen Worten)

— so sehr Pädagoge, kein Pädagoge zu sein.

diese Anti-Schul-Haltung ist ein Hauptgrund, warum ich hier mit meiner Gitarre und den Notenblättern stehe. im zweiten Stock des Porno-Schlösschens, dessen Rektor eine schwarze Lederweste trägt.

ob ich was auf der Gitarre vorspielen wolle.

— ja, schon.

ein Notenblatt habe ich mit Runen beschmiert. ich kann mir noch so viel Mühe geben — meine Schrift sieht halt aus wie die eines schwer erziehbaren Jugendlichen. wenn ich die Runen aber korrekt artikuliere, kann ich einen Zauber beschwören.

ich kann es natürlich auswendig.
die Noten vervollständigen das Bild:
ich, auf dem robusten Objektteppich kniend.
Gitarre, auf dem Oberschenkel.

das andere Stück ist ein Quintett für ein paar Bläser.
darunter, haltet euch fest:

ein Alphorn.

es werden natürlich Witze gemacht. wegen meiner Herkunft. und dem Alphorn.

als er auf den Boden stampft und
gleichzeitig in sein imaginäres Alphorn bläst,
weil die eine Passage meiner Partitur es so will,
fällt Wolfgang Rihm fast um.

alle erschrecken ein bisschen. erstmal hinsetzen.

— unspielbar

sagt er.

der Bläser-Spezialist Gérard Buquet meint

— es geht.

das Gitarrenstück gefällt Wolfgang Rihm.

in der „Kippe“ gibt es Schnitzel mit Kartoffelscheiben
nach badischer Art reichlich Bratensoße
einmal quer über den Teller gekippt.

Flutung. für 2,90 Euro.

fast hätte ich Mark geschrieben.

inzwischen seien es 8,90 Euro, schreibt Ralph Bernardy, mein soon to become-Kommilitone. der erste, den ich aus der Klasse kennenlerne.

wie ich mit Post-Besäufniskopfschmerzen nach einer Party an der Hochschule für Musik und Theater München torkelnd aus meinem Jugendzimmer komme, hält mir mein Vater einen Brief entgegen von der Hochschule für Musik Karlsruhe.

durchatmen, öffnen:

aufgenommen.

mein Vater: Luftsprung.

eigentlich bin ich noch nach Weimar und Freiburg eingeladen.

aber das spare ich mir.

mein Favorit ist Wolfgang.

also Karlsruhe.

es gibt noch kein Instagram und nicht alle haben Smartphones: so lautet meine Theorie, warum 2010 in Karlsruhe die Leute aussehen wie im Jahr 1998.

2025 sehen sie dann nämlich aus wie 2024.


die ersten zwei Jahre findet der Unterricht in der Karlsruher Weststadt in der Jahnstraße statt. also nicht im rosa Porno-Schlösschen in der Oststadt, sondern im gleichen Raum, in dem das junge Wolferl schon bei Eugen-Werner Velte Unterricht hatte.

die Treppe geht bis unters Dach. extremes Knarzen.

ich, wie immer, ein bisschen zu spät. das macht Wolfgang nichts aus — gar nicht zu kommen allerdings schon.

vorsichtig öffne ich die Tür. ihr multiphones Quietschen blendet in einen fünfstimmigen, bittersüßen Klavierakkord. links, Wolfgang Rihm am Flügel. zeitlupenartig dreht sich sein Kopf von der Partitur auf der Notenablage zu mir.

mit ihm, die Köpfe dreier Studierender, die hinter ihm stehen.

die Dauer des Ausklangs.


ultralangsam schwenken sie zurück. kurz darauf: der nächste Akkord. wieder fünfstimmig. wieder spicy. andere Gewürznote.

die folgenden Zweistundendreißig gehen so weiter:

ein Akkord

nach dem anderen.


aus dem Buch Nummer sechs der Madrigali von Carlo Gesualdo.

langsam.


wirklich extrem langsam.



die Durchgangsharmonien werden zu statischen Säulen.


sie verduften im Raum.

sowas geht auch gut bei Bach-Chorälen. auf den Durchgangsharmonien sitzen bleiben. richtig drauf campen. bis es den Akkord vorher und den danach nicht mehr gibt.

bei Gesualdo zieht einem das wirklich die Schuhe aus. und der ist sogar noch über hundert Jahre älter als Bach. aber egal. age ist ja just a number.


die Verlangsamung als Lesart, ich merke das erst viel später, wird wichtig für meine eigene Arbeit. superlangsame Musik, in der das Vibrato zur eigenständigen Melodie wird. wie manchmal die Gesangslinien von Ozzy Osbourne von Black Sabbath. die ziehen sich so durch den Song, virtuos, aber unkonstruiert. aus der Hüfte gesungen. einer Nervenbahn folgend.

neben den wöchentlichen Kolloquien gibt es Einzelunterricht. so leicht kommt man da aber nicht ran. in meinem ersten Semester starte ich einen Versuch:

— kann ich vielleicht Einzelunterricht haben?

— Einzelunterricht? jetzt arbeite erst mal!

— was soll ich denn arbeiten?

— das musst du doch wissen! du bist der Komponist!

was vielleicht ein bisschen old school klingt, ist in Wirklichkeit eben überhaupt nicht school. das ist auch kein Whiplash-Quatsch oder so. ich werde von Anfang an in eine Situation versetzt, in der ich mich mit Fragen auseinandersetze, die später zu meinem Arbeitsalltag werden. es ist die größte Herausforderung und die größte Verantwortung im künstlerischen Schaffen:

was will ich machen?

ein Satz in dem jedes einzelne Wort betont werden muss:

was 

will

ich

machen?

und manchmal vertauscht werden:

will

ich

was

machen?

ich

will

was

machen?

nico-2012-@ras-rotter
Nico Sauer 2012. Foto: Ras Rotter

wer Kunst macht, kommt ums Machen nicht herum.

zurücktreten gildet nicht.

— das ist mein Material, das habe ich so gefunden, das war halt so.

gildet nicht!

oder:

— das ist ein Algorithmus. der geht halt so.

gildet nicht!

Arbeitsteilung gildet nicht. Geisterarbeiter:innen gilden nicht.

machen gildet.

die Sommerferien verbringe ich fast vollständig im „Römerbau“, dem Übgebäude auf dem Campus. ich arbeite an einem Trio für Klarinette, Bassklarinette und Klavier. mein erstes richtiges Karlsruher Stück:

„Da war ein Fluss“ (2011)

wie die Ufer eines Flussbetts die Bewegung eines vertrockneten Flusses erinnern, eine Illusion von Kontinuität, bilden sich in den Staccati des Stücks imaginäre Flüsse ab.

im Unterricht lesen wir „Grundlagen des linearen Kontrapunkts“ (1917) von Ernst Kurth.

zwischen zwei Tönen entfaltet sich eine psychische Kraftlinie – nicht der einzelne Ton zählt, sondern die Bewegung, die ihn mit dem nächsten verbindet. Musik entsteht aus diesen Spannungslinien, die den Tonraum als lebendiges Feld aufspannen. Kontrapunkt bedeutet: das Zusammenspiel dieser Kräfte hörbar machen, ein dynamisches Geschehen von Linien, die sich gegenseitig tragen, bedrängen, durchdringen.

das lohnt sich schon alleine wegen meines Outfits:

https://youtu.be/o7PBUvOIVME?si=YsihKTnZoL_s4a3U („Da war ein Fluss“, 2011)

Wolfgang Rihm ist Fan.

es gibt Stilrichtungen der Neuen Musik. keine davon ist wirklich richtig oder falsch. es klingt vielleicht ein bisschen simpel. aber es ist wirklich so. es gibt keine richtige und keine falsche Musik. es gibt aber Musik, die ist zum Hören da, und es gibt Musik, die ist zum drüber reden da.

Wolfgang Rihm macht Hörmusik, nicht Diskursmusik.

trotzdem kann er sehr gut diskutieren und auch sehr gut über Musik sprechen.
wenn er über Musik spricht, geht es wiederum immer ums Hören. oder eben ums Machen. um nichts anderes.

andere schreiben Musik, die sowas wie ein Soundtrack zu ihrem eigenen Programmtext ist. auch ok.

die Musik ist dann wie eine Tabelle, die wieder und wieder befüllt wird mit neuen, tagesaktuellen Inhalten. eine Maske.

auch ok.

was mir noch gefällt an ihm: nicht trennen. enttrennen, was getrennt war.

er:

— Kunst und Leben als Einheit, die komponierte Existenz.

work und life. ohne balance.

moonbreaker-rihm
Wolfgang Rihm. Moonbreaker

ich verstehe langsam, dass die Klasse keine typische Kompositionsklasse ist.

erlernte Fähigkeiten während meiner Jahre in der Zauberschule Wolfgang Rihm:

— im Dunkeln hören.

— Klänge aus dem Nichts erscheinen und wieder dorthin verschwinden lassen.

— durch Oberflächen hindurchhören.

— durch sich selbst hindurchhören.

— sich selbst in fremde Gedanken hineinteleportieren.

— tun, was man tun muss.

— machen.

ich bin Tutor der Klasse. dadurch kommen Wolfgang und ich uns noch näher.
es gibt viel zu tun: zwei bis drei Klassenkonzerte pro Semester organisieren. dafür Stücke aus den Studierenden melken. wenn zu wenig von der Klasse kommt, fülle ich die Konzerte mit eigenen Stücken auf. ich schreibe ein Dutzend Stücke pro Jahr. Rihmschule halt.

es gibt eine Kooperation mit dem Badischen Staatstheater: die Nachtklänge. mit dem tollen Ulrich Wagner. die Klasse probiert sich am Typus Orchestermusiker:in aus. schöne Begegnungen. manchmal schwierig. aber wichtig. es wird auch mal geweint.

besonders wichtiger Teil meines Tutorenjobs: die Klasse in den Veranstaltungsausschüssen vertreten. einmal nicht da und schon sägt man uns Konzerte ab. die Lederweste und ein paar der anderen Professor:innen — naja, eigentlich sind's ja nur Professoren — haben nicht nur den bereits bekannten verachtenden Subbass, wenn sie „zeitgenössische Musik“ aussprechen. sie arbeiten sogar proaktiv dagegen. alles, was vor Mozart und nach Mahler kommt, ist praktisch Müll.

der Schatten von Wolfgang Rihm türmt hinter mir. die Dreimeterfünfzig mal Einmetersiebzig machen schon was her. wenn ich da bin und aufpasse, traut sich niemand, uns was abzusägen. unser Wolfgang ist das Aushängeschild der Hochschule. was er wirklich vertritt und tut und was ihm wichtig ist, interessiert natürlich niemanden von diesen konservativen Hochschul-Ärschen. sie verblassen neben ihm. unser Professor ist eine Gallionsfigur. er ist edel, sie sind es nicht.

2012, in meinem zweiten Jahr in Karlsruhe, wird Wolfgang Rihm 60 Jahre alt.

die Stadt feiert. überall hängen Plakate.

an Litfaßsäulen.

an Straßenbahnen, auf ganzer Länge.

von Masten wehend, links und rechts der Kaiserstraße.

in diesem Jahr kommt Andrés Nuño de Buen in die Kompositionsklasse.
ziemlich schnell werden wir enge Freunde und sind es heute noch.

man muss sich das vorstellen: Andrés kommt als Komponist aus Mexiko.

wahrscheinlich mit dem Flugzeug nach Frankfurt.

weiter mit dem Zug nach Karlsruhe.

er kommt aus dem Bahnhofsgebäude und sofort sieht er diese Straßenbahnen, der ganzen Länge nach mit Wolfgang Rihm bedruckt.

das erste, was er denkt: das ist Deutschland. das Land der Neuen Musik.

in Wirklichkeit wissen die wenigsten Menschen in Karlsruhe, wer Rihm ist. nur die Taxifahrer kennen ihn. aber als Kunden. seine Musik natürlich nicht.

in seinem Geburtstagsmonat wird überall seine Musik aufgeführt.
für uns Studierende ist das gut, weil wir so endlich mal was von ihm zu hören bekommen. er zeigt uns selbst nie etwas von sich. in fünf Jahren ein oder zwei Mal.

für ihn ist das ganze Brimborium eine Qual. alle möglichen Leute führen plötzlich seine Musik auf und erwarten, dass er kommt, sie zu hören. er geht diesem Wunsch schon nach, so gut er kann, aber, wie er selbst sagt:

— diese ganze Aufmerksamkeit bekommt mir nicht.

da er zu dem, wofür man ihn feiere, gar nicht mehr komme.

ein Konzert. kaum ist es zu Ende, steht er auf, schüttelt der Sängerin die Hand, stürmt aus dem Gebäude.

eine Tür knallt.

ein Schrei durchs Treppenhaus: „aaaaarrrrrggggghhhhh!“


Wolfgang Rihm will Zeit.

Zeit, die er mit dem Komponieren verbringen kann, zu Hause am Schreibtisch über dem italienischen Notenpapier.

bei der Gelegenheit mache ich ein Stück für oder über Wolfgang Rihm.
ich nehme die Töne von seinem Stück, forme sie mit Griffen auf dem Klavier um, als wären sie kleine Nüsschen, die ich zwischen Daumen, Zeige- und Mittelfinger auflese.

dazu eine Geige.

ich mag das ganz gern, den Ansatz, seine Musik anzufassen, also wortwörtlich zu greifen, und dadurch eine direkte musikalische Umsetzung zu finden.

https://youtu.be/rrhZQBn_twM?si=JPPVEVvMQ-Qj-GuA
(„Überwandlung“, 2012. mit Tayuko Nakao und Anja Gerter)

in den Kolloquien geht es mal ganz lange über Strawinsky. eine große Faszination für Wolfgang, und für mich dann auch. heute noch.

er sagt Sachen wie:

— Strawinskys Musik ist mineralisch.

zu verstehen ist das als Pendant zu einer Musik, die sich im Sinne der Durchführung organisch entwickelt. Strawinsky komponiert Gesteinsformen aneinander.

Kalkstein 

an Dolomit 

an Sinter 

an Ton

— darin ein Quarzit eingeschlossen —

an Gips

an Marmor.


es geht um Strawinskys Hände. in ihrem Griff ist die Spannung der Musik bereits enthalten.

der „Sacre“-Akkord.

auf dem Klavier gegriffen — das Klavier ist das Instrument, an dem Strawinsky vor allem komponiert — spürt man die Spannung der Musik in den Händen.

noch bevor man sie hört.

Muskeln und Sehnen.

kein Fett.

keine Knochen.

so beschreibt Wolfgang die Musik von Strawinsky.

am 27. März 2012, immer noch Geburtstagsmonat, wird Wolfgang Rihms „Vigilia“ aufgeführt. ein geistliches Werk, aber

— es ist kein Glaube, der auf Bleifüßen daherkommt, es entsteht alles aus Fragen.
es sind nur Fragen, und deswegen berühre ich die Worte auch nur ganz sanft mit dem Finger, mit der Musik.

— das ist ja alles ganz vibrierend und gefährdet.

— sicher kann man das auch anders machen, es wurde ja auch oft anders gemacht, aber ich kann das nicht.

im September 2024 spreche ich vor einem Konzert in Basel eine kleine Widmung für Wolfgang. wir nennen es nicht Nachruf. das Phoenix Ensemble spielt „Vigilia“. in einer Kirche. im Stück ist auch eine Kirchenorgel. das Konzert steht schon, als Wolfgang noch lebt. ich dachte, ich nehme einfach den gleichen Text der Widmung für die Musiktexte, aber ich merke, dass ein Text, der in der Kirche gesprochen funktioniert, sich nicht als Text zum Lesen eignet. also schreibe ich diesen Text.

2014 oder 15 kommt der Umzug in den Neubau gleich neben dem Softporno-Schloss.

wir haben jetzt einen riesigen Fernseher.

und Genelec-Lautsprecher.

es riecht neu.

ein richtig guter neuer Konzertsaal wird gebaut.

das „Wolfgang-Rihm-Forum“.

davor wird eine Büste von ihm aufgestellt, die eine Karlsruher Künstlerin im Auftrag der Musikhochschule modelliert.

die ersten Wochen lang macht Wolfgang einen Riesenbogen um die Büste.

im Internet kursieren Selfies von Besucher:innen, die mit dem Bronze-Rihm posieren.

ich bin kein „Star Wars“-Typ, aber der Vergleich zu Han Solo in Episode 5, der in Karbonit eingefroren wird, ist wirklich obvious.

bald freunden sich Wolfgang und die Büste an und posieren ironisch zusammen auf Fotos.

eine chinesische Delegation kommt wiederholt zu Besuch in die Klasse. sie wollen Rihm nach Shanghai holen, bieten ihm eine Privat-Suite in einem Jumbojet an.
er lehnt es immer wieder freundlich ab. er hat panische Angst vorm Fliegen.

was Wolfgang Rihm an mir lobt, ist, dass mich Lob – in welcher Form auch immer – für gute Arbeit nicht darin bestärkt, das Gleiche zu wiederholen und zu versuchen, Versuche als Rezepte zu formulieren, sondern weiter zu versuchen, etwas anderes zu machen.

ich gehe auf meinen Bachelorabschluss zu. 2013 war ich neun Monate lang in Genf. das war eine Gelegenheit für einen Stilwechsel. in dem frankophonen, Boulez-geprägten Umfeld gelte ich als komischer Deutscher und genieße Narrenfreiheit.

für meine neuen Versuche gibt es hier nur wenig Lob, eher Unverständnis, was mich noch befeuert, ein paar richtig steile Kurven zu nehmen.

während ich also im Unterricht mit Michael Jarrell meine alten Stücke poliere, mache ich im stillen Kämmerlein ganz andere Sachen, über die ich noch nicht sprechen kann.

als ich nach Karlsruhe zurückkomme, habe ich ein paar Prototypen dessen, was ich wirklich machen will, im Gepäck. ich stehe jetzt wieder selbst auf der Bühne, performe. ich habe eine Form von Reality-Musiktheater gefunden, das ich bis heute weiterentwickle.

für meinen Bachelorabschluss führe ich „NeueMusik24“ auf. das erste und bis heute einzige Abschlusskonzert an der Hochschule für Musik Karlsruhe, in dem kein einziger Ton Musik gespielt wird.

es geht um imaginäre Klänge, die auf

T-Shirts

Jutesäcke

Tassen

Turnbeutel

Hundehalstücher

gedruckt sind.

schriftliche Protokolle, Klangbeschreibungen.

Kopfmusik, die nicht über die Ohren kommt, sondern direkt ins Gehirn geht.

immer, wenn ich vom Unterricht bei Wolfgang Rihm erzähle, sind die Leute ganz verwirrt.

es geht bei uns um Musik, Filme, Literatur, Fernsehserien, bildende Kunst. egal, alles. in alle Richtungen schießen und sprießen Referenzen und wir sollen alles kennen.

genauso fassungslos sind viele, wenn ich erzähle, dass ich bei Rihm studiert habe. ein:e gute:r Lehrer:in bringt Schüler:innen hervor, die völlig andere Musik machen.
bei uns ist das so.


meiner Meinung nach legen die wenigsten Komponist:innen in ihrem Leben so viele drastische Stilwechsel hin. von Hundertprozent in eine Richtung zu Hundertprozent in eine ganz andere Richtung von heute auf morgen. das kommt vor bei Wolfgang. es ist letztlich das Wesen der Musik selbst:

— eine ständig sich erneuernde Musik, die das Hören am Entstehen teilhaben lässt, die sozusagen offenliegt an ihrem generativen Pol, dort, wo sie wächst.

Freiheit jenseits aller Dogmen. und das schließt die Dogmen der sogenannten „Neuen Musik“ mit ein.

dann sein 70. Geburtstag, 2022

Markus Hechtle, selbst ehemaliger Rihm-Student, später auch Professor in Karlsruhe. ein enger Freund von mir. er will ein Geburtstagskonzert organisieren und dazu alle ehemaligen Studierenden und Kolleg:innen einladen, Wolfgang zu seinem Siebzigsten Mini-Kompositionen zu schenken.

die Recherche ist anspruchsvoll, weil natürlich die Hochschule nicht ganz mitspielt, die Akten schwer zugänglich sind und außerdem nicht nach Studienfach sortiert, sondern nach Nachnamen geordnet im Schlosskeller verwesen.

also rekonstruieren Markus und Wolfgang gemeinsam alle Personen, die jemals im Zusammenhang mit Komposition an der Hochschule beschäftigt waren.

am Ende haben sie eine Liste von über einhundertzwanzig Namen, deren Mailadressen Markus raussucht und sie kontaktiert.

tatsächlich melden sich fast einhundert Ehemalige und erklären sich bereit, eine maximal dreißigsekündige Komposition für Instrumente, was Elektronisches oder ein Video beizusteuern.

mein guter Freund und Kollege Vincent Wikström und ich bekommen den Auftrag, aus diesen hundert Stücken einen Abend zu gestalten. das machen wir. völliger Wahnsinn. ihr könnt es euch auf YouTube anschauen. es ist wirklich eins der schönsten Konzerte, die ich je erlebt habe. von der Bühne aus. einmal in der Rolle einer schönen Frau Namens Mareile von Murnau und dann als erfundener ehemaliger Rihm-Student Innocent Sauerstrom.

https://youtu.be/BM3WUccHzQM?si=nRKYDOh-UFPtsZVZ

achtundneunzig Beiträge gibt es. zwei weitere erfinden wir dazu, um zu testen, ob sich Wolfgang wirklich an alle erinnern kann.

zwei Stunden Musik. über zweihundertachtzig Lichtstimmungen. wir fahren das Konzert zu zweit.

mareile2
Nico Sauer als Mareile beim Geburtstagskonzert 2022

das Einzige, was fehlt, ist Wolfgang. er erholt sich von einer Operation. trotzdem beteiligt er sich noch am Stück. wir bitten Ihn, ein Video von sich zu machen, das dann plötzlich auf der großen Leinwand hinter Innocent erscheinen soll.

eine performative Intervention, zu der er sich sofort bereit erklärt. auf diese Weise wird er Teil der Inszenierung seines eigenen Geburtstagskonzerts. das tut er mit einer Spontanität und einem Humor, die einen haben meinen lassen, alles würde wieder gut. 

das Konzert sind die abgefahrensten zwei Stunden Neuer Musik, die jemals in ein Konzert gepackt wurden — es macht auch allen wahnsinnig großen Spaß.

ich moderiere in High Heels. zum ersten Mal haben aktuelle und ehemalige Studierende und Kolleg:innen von Wolfgang Rihm, zwischen 18 und 80 Jahren, die Gelegenheit, sich kennenzulernen.

es geht genauso um die, die gratulieren, wie um den, dem gratuliert wird. 

die Widmungen machen die Widmenden zum Fest.

— Mensch, jetzt hast du ja deinen Tee gar nicht getrunken.

und jetzt könnte ich die Anekdote mit dem Klaviertrio und der filigranen Porzellantasse bringen, die ich erzählen werde bis an mein Lebensende, haargenau gleich, wie auswendig gelernt. wie Angelo Badalamenti die Episode mit David Lynch erzählt und wie sie zusammen an dem alten Fender Rhodes saßen: pretty beat-up and all. wie David die Vision von „Twin Peaks“ hatte. wie Angelo sie in Echtzeit in das ikonische „Laura Palmer‘s Theme“ verwandelt. wie der Soundtrack von „Twin Peaks“ created wird. wie Badalamenti performt, wenn er gerade kein Fender Rhodes und auch kein Klavier zur Verfügung hat, und die hohen Noten der aufsteigenden Melodie singt, inklusive Scheppern der Stimmzungen des pretty beat-up Fender Rhodes and all.

unsterblich werden, das geht. nicht nach dem Tod. nicht durch ein mächtiges Vermächtnis, das noch in Hunderten von Jahren zum Kanon gehört.

tot ist tot.

unsterblich werden kann, wer lebt. für sich. wer Zeit und Raum mit seinem Hirn verbiegt, Musik macht, ist ziemlich nahe dran an Ewigkeit.

wenn jemand fragt: sowas machen wir bei Wolfgang.

Wolfgang Rihm, unendliche Linie.