Musik als Rückzugsraum vor der Welt?
BerichtDas Ultraschall-Festival 2025 in Berlin
Unbedingt aktuell und am Puls der Zeit sein zu wollen – das hat sich das Ultraschall-Festival eigentlich gar nicht auf die Fahnen geschrieben. Stattdessen betonen die beiden Kuratoren Rainer Pöllmann und Andreas Göbel immer wieder, dass eben nicht nur Uraufführungen das Programm prägen, wie es sonst im zeitgenössischen Musikbetrieb oft der Fall ist, sondern dass Werke die Chance zur Weiterentwicklung bekommen, wenn sie hier zum zweiten oder dritten Mal aufgeführt werden. Und auch Wiederentdeckungen aus der Musikgeschichte des 20. Jahrhunderts finden regelmäßig ihren Platz im Festivalprogramm.
Angesichts der sich auftürmenden Krisen der letzten Jahre wird aber auch bei Ultraschall jedes Jahr aufs Neue deutlich, wie sehr Musikwerke auf der Bühne – mal tatsächlich explizit als Statement der Künstler:innen, mal eher als gedankliche Projektionsfläche für das Publikum – immer auch einen Reflexionsraum bilden für das, was gerade da draußen in der Welt passiert. Und so ist das aktuelle Weltgeschehen eben doch immer mit dabei, wenn man sich im Januar im Haus des Rundfunks, im Radialsystem an der Spree und im Heimathafen Neukölln versammelt, um ganz unterschiedlichen Werken zeitgenössischer Musik zu lauschen.
In diesem Jahr fand das Festival vom 15. bis 19. Januar und damit kurz vor der Amtseinführung von Donald Trump in den USA statt. Man konnte sich also noch einer gewissen Hoffnung hingeben, dass alles nicht so kommen würde, und der vertraute Ablauf der Konzerte mit Auftritten, Applaus, Verbeugung wirkte beruhigend: eine kleine Blase der Normalität in einer unüberschaubar gewordenen Entwicklung der Welt. Und doch ließen sich schon im Programm des Eröffnungskonzerts mit dem Deutschen Symphonie-Orchester Berlin unter der Leitung von Anna Skryleva ganz unterschiedliche Bezüge auf die aktuellen Krisen in der Welt erkennen:
Auf der Suche nach Trost
Das Orchesterstück „Frau, warum weinst du? Wen suchst du?“ von Younghi Pagh-Paan, das bei den Donaueschinger Musiktagen 2023 uraufgeführt wurde, verweist mit seinem Titel auf die biblische Geschichte um Maria von Magdala, die nach der Öffnung der leeren Grabhöhle trauert und Trost sucht. Das Bild der weinenden Frau lässt auch an die Menschen in der Ukraine denken, an die Frauen im Iran, die um ihre Freiheit kämpfen, und an die Menschen in Israel, Gaza, Syrien und all den anderen Krisenherden der Welt, die ihre Angehörigen suchen und nicht mehr finden können.
Strukturspiele und Widerholungsschleifen
Auf den ersten Blick spielerisch kommt „Dreydl“ von Olga Neuwirth daher, das von Ferne an den „Boléro“ von Maurice Ravel erinnert und eine tänzerisch-wunderliche Trance-Atmosphäre erzeugt. Neuwirth schreibt, sie habe bei der Arbeit das Erinnern und Vergehen von Zeit reflektiert. Ein Dreydl ist ein Kreisel, mit dem Kinder beim jüdischen Chanukka-Fest spielen. Neuwirth schickt eine Melodie, die sie von dem jüdisch-polnischen Komponisten Mordechaj Gebirtig übernommen hat, in immer wieder neue und doch sich verändernde Wiederholungsschleifen. Vor dem Hintergrund des Entstehungsjahres 2021 lässt das an die ewiggleichen Tage im Corona-Lockdown denken – und klingt doch wie eine Mahnung, historische Entwicklungen eben nicht wie in Trance zu wiederholen.
Distanz, Vereinzelung, Utopie
Mit „distancing ...“ von Robert HP Platz kam beim Eröffnungskonzert auch ein Stück zur Uraufführung, das tatsächlich in der Zeit des sozialen Abstandhaltens in der Pandemie entstanden ist. Carolin Widmann übernimmt den Solopart in diesem Violinkonzert, bei dem die Orchestermusiker:innen viel distanzierter voneinander sitzen als gewöhnlich. Das Orchester klingt so nicht wie eine Einheit, sondern spaltet sich auf, so dass ein ungewohnter Raumklang entsteht. Zwei Violinen spielen von der Galerie des Saales aus, antworten der Solistin gewissermaßen über die Distanz hinweg. Für einen Augenblick öffnet sich ein Raum hin zu einer Utopie von Gemeinschaft. Platz hat das Stück mit einer optionalen Coda versehen, die gespielt werden kann oder nicht. An diesem Abend erklingt sie – und da spielt die Solistin wieder allein.
Gegensätze, zusammengeführt
Beim Konzert mit dem Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin prägten Gegensätze das Programm. In „Lica Persefone“ von Misha Cvijović ist es der Gegensatz zwischen Sommer und Winter, von Ober- und Unterwelt, in denen die Göttin Persephone abwechselnd leben muss. Dieser Gegensatz kommt in den zwei Sätzen „In the Hades: Winter“ und „On the Earth: Summer“ zum Ausdruck. In ihrem Klavierkonzert „The Orgy of Oxymorons“ hat Margareta Ferek-Petrić, wie es der Titel verspricht, vermeintlich unvereinbare Gegensätze in eine Form gebracht – ein Klavierkonzert, das im 21. Jahrhundert komponiert wird: die künstlerische Freiheit der Komponistin, die neben der Unfreiheit so vieler anderer Menschen besteht; Ohrwurmmelodien und Experimentalklänge; die Schönheit der Musik in unserer zerstörerischen Welt. Mit sich schlängelnden schwarzen Tonbändern erzeugt die Solistin Maria Radutu am Klavier abstrakte Klänge, spielt aber auch virtuose Akkordfolgen. Die Musiker:innen des Orchesters spielen ihre Instrumente, nutzen aber auch ihre Stimmen, um der Musik sprechend eine andere Klangebene hinzuzufügen. Außerdem haben sie Tageszeitungen bei sich, die sie auffalten, zerknüllen, zerreißen: Das Tagesgeschehen findet Eingang in das Klavierkonzert. Diese Mischung aus Gegensätzen bringt eine zerklüftete Atmosphäre hervor, die sich verblüffenderweise tatsächlich anfühlt wie ein abstraktes Abbild unserer Zeit.
Feinsinnig und extrem
Einen Gegensatz bildeten auch die beiden Kompositionen „Ljubljana24“ von Márton Illés und „Eternity in an Hour“ von Christian Mason. Während Illés in seinem Stück für 24 Streicher leise daherkommt und auf feine mikrotonale Klangabstufungen setzt, nutzt Mason die volle Bandbreite der orchestralen Möglichkeiten. Besonders beeindruckend war die souveräne Interpretation des kontrastreichen Programms durch Enno Poppe, der als Dirigent eingesprungen war.
Musik als Begegnungsraum
Beim Konzert des Meitar Ensembles aus Israel schließlich kam das Weltgeschehen tatsächlich zur Sprache: Am 19. Januar 2025 sollten erstmals seit einer langen Verhandlungspause Geiseln aus dem Gazastreifen nach Israel zurückkehren. Der Pianist des Ensembles, Amit Dolberg, thematisierte dies in einer kurzen Ansprache vor der Aufführung ebenso wie die folgende Aufführung des Stückes „Fragmente einer Erinnerung“ der iranischen Komponistin Elnaz Seyedi durch das Ensemble – etwas, das in einer friedlicheren Welt selbstverständlich sein sollte, aber noch lange nicht ist. Insbesondere die Uraufführungen von „Colors of Sand“ von Batya Frenklakh sowie von „The Sun Will Stand Still“ von Yair Klartag leuchteten durch die Intensität der Interpretation aus dem Programm hervor – und der Gedanke, dass vielleicht doch eine andere Welt möglich ist.
Das nächste Ultraschall-Festival wird vom 14. bis zum 18. Januar 2026 stattfinden. Welche Welt wir dann wohl im Programm gespiegelt sehen?