Avantgarde mit Leib und Seele
NachrufEin Nachruf auf den Komponisten İlhan Usmanbaş
Am 30. Januar 2025 ist İlhan Usmanbaş gestorben. Wie der amerikanische Komponist Elliott Carter wurde er 103 Jahre alt und durchlief mehrere Stilperioden. Sein vielseitiges Schaffen als Komponist, Veranstalter und Hochschullehrer prägte die „Zweite Avantgarde“ der Türkei.
Geboren 1921 in Istanbul, verbrachte Usmanbaş seine Kindheit in Ayvalık an der Ägäis. Ersten Musikunterricht erhielt er von seinem Bruder Orhan. Sein Studium in Istanbul und Ankara stand im Zeichen der „Türkischen Fünf“, die kaum älter waren als er. Aus deren Schatten löste er sich bereits am Konservatorium, als er durch die Schriften von René Leibowitz die Zwölftontechnik für sich entdeckte. Gemeinsam mit seinen Kommilitonen Nevit Kodallı, Bülent Arel und Ertuğrul Oğuz Fırat studierte er die Musik Alban Bergs, dessen „Lyrische Suite“ ihn 1947 bei der Komposition seines ersten Streichquartetts gewiss inspiriert hat.
1952 reiste Usmanbaş mit einem Stipendium der UNESCO in die USA, wo ihn die Fromm Music Foundation kurze Zeit später mit einem Preis und einer Einspielung auf Schallplatte auszeichnete. Bei der Rückkehr nach Ankara beteiligte er sich an der Gründung der „Helikon Derneği“, eines Vereins, in dem das Zusammenwirken aller Künste eine beispiellose, wenn auch kurze Blüte erfuhr. Zu Usmanbaşs Dichterfreunden gehörte der spätere Premierminister Bülent Ecevit. Dieser Nähe zur Literaturszene verdankt sein Liedschaffen die wohl ungewöhnlichsten Beiträge, etwa die „Drei musikalischen Gedichte“ („Üç müzikli şiir“, 1957) auf Texte von Ertuğrul Oğuz Fırat. Unter dem Eindruck der Ästhetik von Pierre Boulez orientierte sich Usmanbaş am Serialismus. Ähnlich wie dieser im „Marteau sans maître“ vertonte er hermetische Lyrik nicht expressionistisch, sondern durch eine ebenso „rätselhafte” Tonsprache.
Nach dem Pogrom von Istanbul am 6./7. September 1955 geriet die „Helikon Derneği“ unter polizeiliche Beobachtung, weil die Öffentlichkeit ihren „griechischen“ Namen als verdächtig empfand. Die Bewegung zerstreute sich. İlhan Usmanbaş widmete sich der Lehre, ging aber schon 1957 mit Unterstützung der Rockefeller Foundation erneut nach New York. Abermals erweiterte er seinen Stil nach westlichen Vorbildern: durch Einbeziehung des Zufalls, durch Geräusche, Cluster – eine chaotische Rhetorik, um den erlernten Konstruktivismus aufzubrechen. „Es ist, als ob sich im Werk des Künstlers gewisse Fenster öffnen – wie unerwartete Besucher”, so der Komponist im Gespräch mit Evin İlyasoğlu in der Monografie „Ölümsüz Deniz Taşlarıydı“1 (übersetzt soviel wie: „Es war unsterbliches Meergestein“). Als Wegmarken seines Schaffens spiegeln die Streichquartette von 1947, 1970, 1994 und 1996 einen Prozess der Befreiung wider, der Strukturalismus ebenso wie amerikanischen Minimalismus verarbeitet und in der Rückschau an den elegischen Ton des Jugendwerks anknüpft.
1964 übernahm İlhan Usmanbaş die Leitung des Konservatoriums von Ankara. 1971 zum Staatskünstler ernannt, wechselte er 1974 an die Mimar-Sinan-Universität in Istanbul. 1980 erregte eine Aufführung seiner fünfsätzigen 3. Symphonie durch das Dänische Radio-Sinfonieorchester unter Arturo Tamayo internationale Beachtung. Eine Dokumentation seines 88 Opuszahlen umfassenden Gesamtwerks, veranlasst durch seine Schüler:innen, erfolgte erst in jüngerer Zeit. 2015 erschien die Anthologie „Perpetuum Mobile“2 als eine erste Aufarbeitung, herausgegeben von Aykut Köksal. In Deutschland hat Betin Güneş die Ensemble-Komposition „Perpetuum Mobile“ von 1988 mit den Sinfonieorchester Köln eingespielt.
İlhan Usmanbaş war 77 Jahre lang mit seiner Frau Atıfet verheiratet, einer Opernsängerin, die viele seiner Werke beherrschte. Seit 2011 lebten sie im Altersheim der „Darüşşafaka”. Atıfet Usmanbaş verstarb 2022, drei Monate vor meinem letzten Besuch. Durch Seh- und Hörschwäche behindert, pflegte der greise Usmanbaş seine Gäste mit Monologen zu unterhalten – „tatlı konferanslar”, „liebliche Vorträge”, wie es der Komponist Mehmet Nemutlu ausdrückt. In Rollstuhl und Bademantel redete er ungern von sich selbst, lieber von seinen Schüler:innen und der Zukunft der Musik.
Die Sopranistin Ece İdil hat den Zyklus „Bakışsız Bir Kedi Kara“ („Eine blinde Katze schwarz“, auf Gedichte von Ece Ayhan) für das Label „Kalan“ aufgenommen. Den Pädagogen Usmanbaş charakterisiert sie als einen Verteidiger des „offenen Werks“, der seine Studierenden konsequent zum freien Willen anregte, weswegen sie ihn wie einen „Ratgeber in Lebensfragen“ wahrnahmen. Mehmet Nemutlu hebt Usmanbaşs Erfolg „bei der Erfassung und Konstruktion des ‚musikalischen Wortes‘“ hervor, seine „Neugier und Kompetenz auch in nicht-musikalischen Bereichen, eine mutige Neigung zum ‚Anderen‘ und sein Vertrauen in den kreativen Akt des Interpreten“. Cihat Aşkın, Gründer des Musikforschungszentrums MİAM in Istanbul, weist darauf hin, dass Usmanbaş zwar eine marginale Zielgruppe angesprochen habe, aber in seiner einzigartigen Durchdringung der Neuerungen nach 1950 einen unauslöschlichen Eindruck hinterlasse. Mit seinem Tod verliert die Musik der Türkei wohl ihre mit Abstand radikalste Stimme.

vorne von links: İlhan Usmanbaş, Atıfet Usmanbaş, Öztan Usmanbaş (Verwandte des Komponisten)
Foto: Mehmet Nemutlu
1 Evin İlyasoğlu: „Ölümsüz Deniz Taşlarıydı”, Istanbul: Pan Yayıncılık 2011 (inklusive CD).
2 Aykut Köksal (Hg.): „Perpetuum Mobile: İlhan Usmanbaş’ın Yapıtı”, Istanbul: Pan Yayıncılık 2015.