Aus der Neuen Welt?
FragenAstrid Schmeling nähert sich fragend unserer Zeit
1.
Wie kann etwas „aus der Zeit gefallen“ sein, das sich einem Neuen gegenübersieht, das ganz alt ist?
Ist es nicht besser, Fragen zu stellen als Verhältnisse zu beschreiben, sie zu beklagen und zu kommentieren, zu meinen und (sich) zu behaupten?
Herauszutreten aus diesen sich in atemberaubender Geschwindigkeit verändernden Wirklichkeiten, in denen in kürzesten Abständen Sachverhalte als gesetzt gepriesen werden, um sie im nächsten Moment wieder rastlos zu verlassen?
Sich gewissermaßen in das Auge des Taifuns zu begeben, von dort zu horchen, zu beobachten, sich zu wundern und zu versuchen zu verstehen, um dann Phänomene auseinanderhalten zu lernen?
Um daraus eine uns als Notwendigkeit erscheinende Ausdrucksform zu entwickeln?
(Haben wir die Kraft dazu, können wir uns dies als in diversen, z.T. prekären Abhängigkeiten befindliche Musik Findende leisten – schon jetzt, geschweige denn in absehbarer Zeit?)
Sind Worte und Töne verbraucht?
Würde es helfen, im Auge des Taifuns in die Worte und Töne hineinzuhorchen, um zu erforschen, ob wir vielleicht etwas überhört haben?
Nennt man das dann zeitgemäß?
2.
Was ist „zeitgemäß“ eigentlich?
Wer bestimmt, was zeitgemäß sei?
Ist „zeitgemäß“ ein Erfordernis?
Für wen oder was? Welchen Interessen dient das Zeitgemäße?
Ist „zeitgemäß“ eine Selbstvergewisserung?
Ist „zeitgemäß“ eine kompositorische Kategorie?
Ist „zeitgemäß“ gleichbedeutend mit „neu“?
Horcht / guckt „zeitgemäß“ ins Offene?
3.
Welche Parameter bestimmen die Bewertung, ob etwas alt oder neu sei?
Definiert sich das Neue in der Musik durch die Verwendung von zeitgemäßen Mitteln im Sinne eines linear weitergesponnenen Fadens (etwa im Sinne der technischen/industriellen/digitalen Fortschrittsidee)?
Könnte sich das Neue nicht nach allen Seiten, in alle Dimensionen hin ausweiten?
Hat das Neue mit Überraschung zu tun?
Gibt es für Überraschungen Regeln, was hieße: Hat eine Tradition die Autorität, darauf hinzuweisen, was unter einer Überraschung zu verstehen sei?
Führt eine Überraschung zu Erkenntnisgewinn?
Ist Erkenntnis etwas, das sich auf ein intellektuelles Licht im Kopf fokussiert?
Oder?
Ist Erkenntnisgewinn ein Fund zur Selbstoptimierung?
Ein Wettbewerbsvorteil?
Oder ein riesiger Klotz am Bein?
Haben wir in der Hand, welchen Raum wir dem Erkenntnisgewinn zuweisen?
4.
Gibt es verbotenes Vokabular in der Szene der gegenwärtigen Kunstmusik?
Ist die Unterscheidung zwischen „echtem“ und „falschem“ Gefühl zulässig?
Wenn ja: Gibt es Töne/Klang und eine Sprache dafür?
Wenn ja: Gibt es für das „falsche“ Gefühl vielleicht ganz viele Äußerungen (Repertoire von musikalischen Gesten, Konventionen, Moden, Befindlichkeiten, „verkindende“ Musikvermittlung, Sprachrepertoire)?
Wenn ja: Herrscht um das „echte“ Gefühl eher Stillschweigen?
Ist „echtes“ Gefühl eher peinlich? Aus Furcht vor Missbrauch? Weil die Mittel der Äußerung entäußert sind?
Was ist mit der verflixten Situation, wenn „falsches“ Gefühl „echtes“ Gefühl evoziert? Eine „Beziehungskrise“?
Wie lässt es sich lernen und lehren, beides zu erkennen und zu unterscheiden?
Umkreist diese Gegenwart nicht ständig etwas, das den hörbaren Weg nicht nach draußen findet, das aber als Leerstelle und Defizit immer größer wird? Und der Umgang damit eine Haltung erfordert?
Ist Zynismus eine künstlerische Entscheidung, eine Selbstverteidigung oder ein Machtmittel?
5.
Würde es nicht großes Vergnügen bereiten, den „merkwürdigen/schrägen“ Blick an manchen Tagen auf die Umgebung, auf alltägliche Situationen, auf soziale Verhältnisse, auf Stücke, auf Instrumente, auf Ereignisse, auf … aufrechtzuerhalten und zu kultivieren, am besten nicht als Markenzeichen vor sich her zu tragen, sondern „heimlich“?
Um mit den Zwischenräumen dieser Perspektivenverschiebung eine Rahmung zu setzen?
Eine zweite Realität?
Aus der etwas Neues entstünde?
Das Neue, das sich in der Kontextualisierung noch nicht gezeigt hatte?
Wie klingt das Einhorn?
Wie klingen Träume von Pferden?
Wie klingen Traktorspuren im Matsch, sodann im Ofen gebacken?
Siehe auch:
„Hintergrundrauschen“, Podcast des Ensembles L’ART POUR L’ART, Episoden 4–6 „Neu. Was ist das?“, Gespräche zwischen Gordon Kampe, Neo Hülcker, Michael Reudenbach, Astrid Schmeling und Hartmut Leistritz.